Jahresbegleiterin

2021 - Rut

Als Hildegardis-Verein wählen wir jedes Jahr eine starke Frau aus der Bibel, die uns ein Jahr lang begleitet und inspiriert. 2021 haben wir uns dafür die Prophetin Rut ausgesucht, da sie viele Anknüpfungspunkte bietet – auch in der heutigen Zeit.

Armut

Rut ist arm, lebt von der Hand in den Mund. Als kinderlose Witwe hat sie keinen Besitz, niemanden, der für sie sorgt und keine Perspektive. Und dann geht sie auch noch mit ihrer Schwiegermutter Noomi, die in einer ähnlich ausweglosen Situation ist, in ein fremdes Land.  

Rut erinnert uns an die, die wirtschaftlich besonders von der Corona-Krise betroffen und ganz plötzlich neu mit Armut und Existenzängsten konfrontiert sind.

Verlust

Rut ist zunächst kinderlos und Witwe. Der Text schweigt über ihre Emotionen, die mit dem Verlust des Ehemanns verbunden sind. Auch ihre Kinderlosigkeit wird nicht weiter thematisiert. Aber wenn wir zwischen den Zeilen lesen, uns in Rut hineinversetzen, können wir erahnen, wie sich ihr Verlust anfühlt.

2020 war ein Jahr der Verluste – in vielerlei Hinsicht. Rut als Jahresbegleiterin für 2021 wird unsere Verluste nicht verringern und weniger schmerzvoll machen. Aber sie zeigt uns, wie hoffnungsvoll sie weitergeht und Perspektiven für sich entwickelt.  

Die Fremde

Rut ist Moabiterin, also eine Fremde in Betlehem. Die Moabiter/innen haben den schlechtesten Ruf, den man sich vorstellen kann. In der Bibel wird die Entstehung des Volkes als Inzestgeschichte erzählt. Und in Betlehem wird sie immer wieder als Moabiterin angesprochen, quasi immer wieder auf ihr Anders-Sein reduziert.  

Das Jahr 2020 war u.a. geprägt von Debatten um Rassismus in den USA aber auch hier in Deutschland. Rut erinnert uns daran, welche Herausforderung es ist, fremd zu sein und durch die Wahrnehmung anderer auf das Fremd-Sein begrenzt zu werden.

Kreative Lösungen

Rut und Noomi legen die Gesetze kreativ aus und sichern so ihr eigenes Überleben. Sie kombinieren geschickt den Aspekt des Lösens mit dem der Schwagerehe, so dass nicht nur Rut sozial abgesichert ist, sondern auch Noomi.

Rut ist ein biblisches Vorbild für intelligente Lösungsfindung und zudem ist das Wort „lösen“ auch das Leitwort in Kapitel 3 des Rutbuches. Durch die Kombination traditioneller, scheinbar starrer Regeln wird im Rut-Buch etwas Neues daraus. Wo können wir neue Lösungen in scheinbar festgefahrenen Situationen finden?

Nomen est omen

Das Buch Rut hat lauter Figuren und Orte mit sprechenden Namen, d.h., dass diese Namen die biblische Erzählung bereits interpretieren bzw. etwas erahnen lassen: Die Söhne Noomis heißen Machlon und Kiljon, was „schwächlich“ und „gebrechlich“ heißt. Auch Betlehem heißt – ironischerweise – „Brothausen“ – trotz Hungersnot zu Beginn der Erzählung. Noomi bedeutet „die Liebliche“; als sie nach Betlehem kommt, will sie aufgrund ihres Verlustes nicht mehr so genannt werden, sondern Mara, was „die Bittere“ bedeutet. Und Rut? Hier ist man sich uneinig, aber am ehesten bedeutet es „Freundin“.

Jede von uns trägt einen Namen, und das meist nicht zufällig. Dem eigenen Namen auf die Schliche zu kommen und herauszufinden, ob Nomen tatsächlich Omen ist, ermöglicht neue Perspektiven auf die eigene Biografie.  

Unscheinbare Urgroßmutter Davids

Das Rut-Buch endet mit einem Stammbaum, der Boas als Urgroßvater Davids nennt. Die Frauen werden in diesem Stammbaum nicht erwähnt. Interessanterweise greift Matthäus im Stammbaum seines Evangeliums u.a. Rut auf und schreibt sie damit wieder in den Text hinein. Die unscheinbare Moabiterin wird somit zur Stammmutter Israels.

Rut eignet sich als Jahresbegleiterin, weil sie eine der unscheinbaren Frauen der Bibel ist, die leicht vergessen und übersehen werden. In unseren Projekten versuchen wir, Frauen sichtbar(er) zu machen und die Ideen, Projekte und Talente der Frauen zur Geltung kommen zu lassen – vergleichbar mit Matthäus, der Rut in seinem Stammbaum sichtbar werden lässt.    

Stephanie Feder